"Nicht das Glück macht uns dankbar, sondern die Dankbarkeit (für das, was wir haben) macht uns glücklich (mit der Zeit)", sagt der Dominikaner Bruder David Steindl-Rast, so befremdlich es tönen mag (S. gratefulness.org )
Jede Dankbarkeit (lat. gratia, was auch Gnade heisst) ist ein Ausdruck von Vertrauen. Vielen Menschen fehlt genügend Urvertrauen. Das führt dazu, dass wir nicht erkennen, was uns alles geschenkt ist im Leben, an erster Stelle unserer Existenz. Dankbarkeit bringt den Mut zu Vertrauen und überwindet die Angst. Das Vertrauen aus einem Gefühl der Dankbarkeit führt auch dazu, dass wir offen sind für andere Menschen und gibt uns ein Gefühl der Zugehörigkeit. Zum Prinzip Dankbarkeit gehört auch die mitfühlende Achtsamkeit. Und ganz wichtig: Das Prinzip der Dankbarkeit und der Achtsamkeit funktioniert auch ohne Glauben an irgendeine Religion bei allen Menschen, auch bei Atheisten.
Menschen wollen dankbar sein, gerade in existenziell schwierigen Situationen. Ein Motorradfahrer, der wegen einer über die Strasse rennenden Katze gestürzt war, und einen Schambeinbruch erlitten hatte, bedankte sich für die Betreuung an der Unfallstelle. Er war froh, dass ihm jemand in seiner Not und Angst beigestanden ist.
Zur Dankbarkeit und Offenheit gehört auch, dass man jeden Tag einen mutlosen Menschen aufrichten sollte, sagt Bruder David. Dieses Sollen habe ich heute wohl mehr als erfüllt.
Ein junger Mann, Mitte 20, Kosovo-Albaner, kam zu mir ins Büro, weil er bei irgendeiner Sache aussagen sollte. Er war so weit nett und bescheiden und sprach mit einem typischen Yugo-Akzent hochdeutsch. Ich frage ihn, weshalb er IV-Rentner, d.h. arbeitsunfähig (Sozialschmarotzer!?!) sei. Er habe einen Schädelbruch erlitten, als er vier Meter in eine Grube stürzte!!! Er wies auf die rechte Seite seines Kopfes, wo man fast nichts sah (minimale Deformation und Narben). Aha, Arbeitsunfall auf dem Bau, vom Gerüst gefallen, denke ich mir. Nein, er hatte irgendwo draussen etwas zu Mittag gegessen und einen Blackout erlitten, nicht wegen Drogen sondern evtl. wegen einem einmaligen epileptischen Anfall. Man weiss es einfach nicht.
Nun man hat ihn im Spital gut zusammengeflickt. Ich frage ihn, ob er Beschwerden habe (Schmerzen, Schwindel?) – Nein, er verspüre eigentlich nichts dergleichen. Aber er konnte es irgendwie nicht verkraften und sagte immer, er habe einen Schädelbruch gehabt!!! Kein Mädchen wolle ihn deswegen und wenn sich eine abgibt mit ihm, dann nur aus Mitleid! Als er zu sich kam im Spital: grässlich mit so einem Schädelbruch aufwachen zu müssen! Eigentlich wäre er lieber unter der Erde, sagte er mehrmals.
Ich sagte ihm, ok er habe vom Schädelbruch keine Schmerzen oder Beschwerden, auch das Auge blieb glücklicherweise unverletzt, wie er zugab. Er sei von den Ärzten gut behandelt worden, habe Glück gehabt. Man sehe praktisch nichts an seinem Kopf; wenn man es nicht wisse, fällt einem nichts auf. Die Verletzung könnte von einem Autounfall stammen. Das Problem sei „nur“ mental, in seinem Kopf. Er sehe nicht besser und schlechter aus, als viele andere, habe noch alle Haare auf dem Kopf.
Dann ging es weiter: Er wolle mit Frauen nichts mehr zu tun haben. Etwas habe ihm den Rest gegeben: Er habe einer obdachlosen Drogenabhängigen Obdach gegeben. Die habe ihm sogar das Portemonnaie gestohlen. Nein, es sei nichts mit ihr gewesen. Er habe zwar mal eine Freundin gehabt, sei aber beim Verkehr nie zum Orgasmus gekommen. Die Freundin habe es ihm dann jeweils von Hand besorgt. Er sei als Moslem mit 13 oder 14 beschnitten worden: Vorhaut weggeschnitten! Ein Pakistani (?) sei gekommen und sein Vater(!) habe bei ihm die Beschneidung gemacht! Er habe sich aus Respekt nicht gegen seinen Vater wehren können.
Er habe ein unangenehmes Druck- oder Spannungsgefühl an der Eichel, einfach Schmerzen. Nein, medizinisch könne man nichts machen, er habe es den Ärzten gezeigt. Die sagen, es sei sauberer, hygienischer ohne Vorhaut, aber das ist kein Trost für ihn. Ich sage, viele Pornodarsteller hätten einen beschnittenen Schwanz. Er gucke keine solchen Pornos, wo gerammelt wird, sondern lieber Soft-Pornos mit schönen Frauen.
Eine solche Beschneidung, auch an Männern ist ein Körperverletzung, also schlicht ein krimineller Akt und zwar aus religiöser Verblendung, als Zeichen der Zugehörigkeit oder Weihung an einen unsichtbaren Gott. Es gibt Foren, wo sich männliche Opfer des Beschneidungswahns austauschen. Wenn ich mir vorstelle, dass ich das bei meinem 14-jährigen Sohn machen und er hinhalten müsste (was er nicht tun würde) – grässlich, dieser Gedanke.
Mit dem Islam hatte er nicht viel am Hut, aber er glaubt schon irgendwie an Allah. Er sei eigentlich lieber unter der Erde. Vom Alter her würde er eigentlich arbeiten und Familie haben, wenn das alles nichts passiert wäre. Eine Lehre als Elektriker hatte er abgebrochen. Nun ist er ein arbeitsunfähiger Frührentner.
Ich sagte ihm, es sei noch nicht Zeit, dass er unter der Erde sei. Allah habe nicht gewollt, dass er sterbe. Deshalb habe er den Schädelbruch dank guter medizinischer Behandlung überlebt. Er müsse/dürfe noch leben. Er solle mutig in die Zukunft schauen und nicht immer allen sagen: „He, ich habe einen Schädelbruch gehabt“ und den Kopf zeigen, dass die anderen sagen: „Du bisch scho en arme Siëch.“ Nein, er braucht kein Mitleid, sondern eine Arbeit, die ihn auf andere Gedanken bringt und Bewegung an frischer Luft. Das Haschrauchen soll er unterlassen, das schwächt den Willen. Er sagte, er dürfe nicht mehr arbeiten, er sei nur zu 30 % arbeitsfähig. An der letzten Stelle in einem Laden hat man ihm gekündigt, weil er nicht so schnell arbeitete. Er sagte, er wolle nicht zu früh fertig sein und nichts mehr zu tun haben, worauf es hiess, er sei frech!
Ich sagte ihm, er müsse wie auch immer mit seinem Schicksal klar kommen, nicht immer daran denken, was ihm Schlimmes widerfahren ist. Evtl. habe er eine posttraumatische Belastungsstörung. Eigentlich könne er ein normales Leben führen, wenn er wolle, und arbeiten. Ich sagte ihm noch einmal, dass man von seinem Schädelbruch praktisch nichts sehe und er sicher eine Frau finden könne. Nach dem Gespräch, das ca. eine Stunde dauerte ging er erleichtert und irgendwie davon.
